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Das Gründungsszenario in der Region Neckar-Alb

IHK Reutlingen "Wirtschft Neckar Alb" Ausgabe: 2004-05 Rubrik: Titel. Themen. Trends

Obwohl die Wirtschaft immer noch nicht richtig auf Touren kommt und die Rahmenbedingungen für Existenzgründer im Vergleich zu anderen Ländern eher als schiecht zu bezeichnen sind, hat sich die Gründungsdynamik in der Region Neckar-Alb wieder etwas stabilisiert, nachdem sie seit 2000 stetig nachgelassen hatte. Liese Tatsache ist auch für den Arbeitsmarkt relevant, denn jedes neue Unternehmen schafft nach Aussagen der Statistik ein bis zwei neue Arbeitsplätze - und erfolgreiche Gründer noch mehr.
Damit die Region Neckar-Alb den Weg des Strukturwandels weiter erfolgreich gestalten kann, braucht sie mehr kleine und mittlere Betriebe, braucht sie mehr junge Unternehmen und Existenzgründer, die neue Ideen und neue Arbeitsplätze schaffen. Der Weg von der Entwicklung einer Geschäftsidee bis hin zu ihrer Realisierung ist fast immer lang und dornenreich. Denn eine gute Geschäftsidee zu haben, ist eine Sache - sie erfolgreich umzusetzen, eine andere. „Irgendwann mein eigener Chef sein" - so lautet die Antwort vieler junger Menschen auf die Frage nach ihren beruflichen Zielen. Die Hürden und Herausforderungen auf dem Weg zur unternehmerischen Selbständigkeit sind den meisten dabei jedoch wenig bewusst. Deshalb rät die IHK Reutlingen jedem Gründungsinteressierten, sich Zeit zu nehmen und die Zukunft als Unternehmer gründlich vorzubereiten.
IHK schnürt das passende Beratungspaket für Existenzgründer
Die IHK Reutlingen bildet mit Behörden, Banken sowie Beratern und Dienstleistern ein Netzwerk, das umfangreiche und vielfältige Service-, Beratungs- und Qualifizierungsangebote für eine solide Vorbereitung der Unternehmensgründung anbietet. Mit ihren breitgefächerten Unterstützungsmaßnahmen hilft die IHK angehenden Existenzgründern, den Weg in die Selbstständigkeit zu meistern und ihr Unternehmen planerisch auf eine stabile Basis zu stellen: Ob schnelle Auskunft am Telefon, Gruppen- und Einzelberatungen oder die bewährten Seminare und Lehrgänge für Existenzgründer - in den vergangenen Jahren hat die Industrie- und Handelskammer Reutlingen ihr Beratungs- und Qualifizierungsangebot kontinuierlich ausgebaut. Im Durchschnitt leisten die IHK-Fachleute aus den Bereichen Starthilfe und Unternehmensförderung, Standortpolitik, Recht + Fair Play sowie Innovation und Umwelt in 750 Beratungen pro Jahr Hilfe bei gründungsrelevanten Problemstellungen wie zum Beispiel bei Markt- und Standortfragen oder in den Bereichen Finanzierung und Gewerberecht. Dabei geht die IHK mit ihrem Existenzgründer-Service auch offensiv in die Fläche: So nutzen jedes Jahr rund hundert Unternehmensgründer die regelmäßigen Vor-Ort-Beratungen an fünf verschiedenen Standorten in der Region Neckar-Alb.Frühes Scheitern droht: Eintagsfliege Ich-AG?
Im Jahr 2003 hat sich die Anzahl der Unternehmensgründungen in den drei Landkreisen Reutlingen, Tübingen und Zollernalb gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt, wobei von den 1453 Gründungen - so der Saldo aus Gewerbeanmeldungen und Gewerbeabmeldungen - 48 Prozent im Landkreis Reutlingen, 29 Prozent im Landkreis Tübingen und 23 Prozent im Zollernalbkreis erfolgten. Allzu viel Euphorie ist deshalb jedoch nicht angebracht, denn einen großen Teil dieser neuen Selbstständigen bilden sogenannte Ich-AGs. Grundlagen dieser Unernehmensgründungen durch Arbeitslose sind eher selten ausgereifte Geschäftskonzepte, sorgfältige Planungen und ausreichende Vorkenntnisse. Vielmehr drängen wirtschaftlicher Druck, schlechte Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt und die kurzfristige Anfangsunterstützung aus diversen Fördertöpfen den größten Teil dieser Gründer in die Selbstständigkeit. Nachdem erfahrungsgemäß ohnehin nur 50 Prozent der neu gegründeten Unternehmen die ersten fünf Jahre überstehen, bleibt zu befürchten, dass die Ausfallquote bei den Ich-AGs noch höher sein wird.
Im Technologiesektor liegen Standortpotenziale brach
In welchen Wirtschaftszweigen die angehenden Unternehmer die besten Chancen sehen, zeigt der Wandel von der Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft: In den Jahren von 2000 bis 2003 kamen von durchschnittlich 3 840 Gewerbeanmeldungen in der Region Neckar-Alb nur 4 Prozent aus der Industrie und 30 Prozent aus dem Handel. Zwei Drittel haben indessen den Dienstleistungsbereich gewählt - bei steigender Tendenz. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass sich trotz offensichtlicher Branchenprobleme immer noch eine nennenswerte Anzahl von Gründern mit Handelsunternehmen selbstständig macht. Technologieorientierte Gründungsvorhaben sind dagegen nach wie vor unterrepräsentiert. Dabei bietet die Region Neckar-Alb gerade in diesem Bereich - insbesondere in der Medizintechnik, in der Biotechnologie sowie in der Informationstechnologie und Mikrosystemtechnik aufgrund der hohen Hochschuldichte und dem großen Angebot an Gewerbeflächen sehr gute Chancen für technologieorientierte Gründungsvorhaben. Aus diesem Grund bringt die IHK Reutlingen das Thema Unternehmensgründung verstärkt an die Hochschulen: Die Kooperation „Gründerverbund auf dem Campus", an der die IHK beteiligt ist, schafft seit 1999 die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Ausgründung. Mehrmals im Jahr führt die IHK an der Universität und den Fachhochschulen ExistenzgründungsInformationsveranstaltungen durch, um die Studierenden zu sensibilisieren und für eine unternehmerische Selbstständigkeit zu motivieren ein Aufwand der sich in zukunftsorientierten, innovativen Produkten und qualifizierten Arbeitsplätzen niederschlagen soll, die der Wirtschaftsraum Neckar-Alb sehr gut brauchen kann.

Autor: Erich Wyrtki, Leiter des IHK-Bereiches Starthilfe und Unternehmensförderung
 

     

Mit neuen Ideen und Angeboten bringen innovative junge Firmen Schwung in die Wirtschaft. Damit die Existenzgründer diese Dynamik in eine kontinuierliche Unternehmensentwicklung umsetzen können, müssen sie von einer soliden Basis aus starten. Die IHK Reutlingen hilft bei der Vorbereitung und vermittelt kompetente Ansprechpartner

Foto: Bilderbox


IHK-Existenzgründerservice: Sicherer Start durch Kompetenz
Für Ute Brandner ist „kein Arbeitstag wie der andere, permanente Weiterbildung ist notwendig". Die Existenzgründungsberaterin der IHK Reutlingen hat tagtäglich mit einer enormen Bandbreite an Kunden zu tun: Vom Sozialhilfeempfänger, der den Schritt in die Selbständigkeit wagen will, über den Akademiker, der ein Spin-Off plant, bis hin zum gestandenen mittelständischen Unternehmer, der einen anderen Betrieb übernehmen will. Gerade bei jungen Firmen, deren Gründer keine unternehmerischen Erfahrungen aufweisen, stellt Ute Brandner immer wieder die gleichen Defizite fest: „Viele scheitern nicht etwa daran, dass der Markt ihre Produkte oder Dienstleistungen nicht annimmt, sondern weil sie die Geschäftsidee kaufmännisch oder von der Betriebsführung her nicht umsetzen können." Wie wichtig solche Kenntnisse sind, hat Ute Brandner nicht erst bei der IHK Reutlingen erfahren, bei der sie mittlerweile seit fast 10 Jahren arbeitet: Vor ihrer Tätigkeit im IHK-Bereich Starthilfe und Unternehmensförderung hatte die Mutter zweier Teenager bereits die kaufmännische Leitung in einem der Unternehmen ihres Ehemannes inne, betrieb ein Einzelhandelsgeschäft - „um mein unternehmerisches Denken zu schärfen" - und gründete eine Werbeagentur. Was die eigenen Qualifikationen betraf, konnte die gebürtige Rheinländerin dabei auf einem soliden Fundament aufbauen. Speziell von ihrer Ausbildung zur Steuerassistentin beim Finanzamt, aber auch von ihren Abschlüssen als staatlich geprüfte Sekretärin und als Marketingassistentin profitieren sie - und ihre Kunden - noch heute.
Breites Spektrum an Beratungsleistungen
Entsprechend den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kunden bietet die IHK Reutlingen ihren Existenzgründerservice in verschiedenen Formen an. Speziell Gründungswilligen, denen es an kaufmännischen Vorkenntnissen mangelt, empfiehlt Ute Brandner den Besuch eines IHK-Existenzgründungslehrgangs über 16 Abende als intensive Vorbereitung in essentiellen Themenbereichen wie Steuern, Recht und Betriebswirtschaft. Daneben hält die IHK an mehreren über das Jahr verteilten Terminen eintägige Existenzgründer-Seminare ab. Ute Brandner geht auch jeden Monat in Rathäuser und Technologiezentren in verschiedenen Städten der Region, um Existenzgründer vor Ort zu beraten. Bei den zukünftigen Unternehmern sind außerdem die Gruppenberatungen besonders beliebt, weshalb Ute Brandner diesen Termin, bei dem sie die Gründer mit den Basisinformationen versorgt, zwei mal pro Monat offeriert. Auf Wunsch steht Ute Brandner selbstverständlich auch gerne für Einzelgespräche zur Verfügung. Daneben hält sie Fachliteratur zur Unternehmenskonzeption sowie das Basis-Infopaket für Interessenten, die sich zunächst selbst einlesen möchten, bereit. Je nach Zielgruppe wechselt auch Ute Brandners Arbeitsplatz. So unterhält die IHK Reutlingen ein Beratungsbüro für Gründer aus dem Umfeld der Universität Tübingen auf der Morgenstelle und führt Informationsveranstaltungen mit Spezialisten an den Hochschulen der Region durch. Zudem hat Ute Brandner das Thema Existenzgründung schon mehrfach in Vorträgen an die Schulen der Region gebracht. Schließlich zeigt sie auch bei diversen Veranstaltungen speziell für Unternehmensgründerinnen für die IHK Präsenz. Daneben betreut der IHK-Bereich Starthilfe und Unternehmensförderung Kooperations- und Existenzgründungsbörsen (siehe ab S. 53 in diesem Heft) und organisiert Sprechtage mit Finanzexperten und Beratungen durch Fachleute des RKW. Letztere steigen bei Themen wie Geschäftsidee, Unternehmensanalyse oder Marktchancen in die Details ein und vermitteln dem jeweiligen Gründer bei Bedarf den passenden Unternehmensberater.
Fördermöglichkeiten sind gefragt
Das Thema Finanzierung stellt einen Schwerpunktbereich der Existenzgründungsberatung dar. Welche Möglichkeiten der finanziellen Gewerbeförderung sich in Baden-Württemberg bieten, zeigt Ute Brandner den Gründungswilligen detailliert auf. Für die Unternehmen lohnt es sich, die Förderung in Anspruch zu nehmen: Lange Laufzeiten, tilgungsfreie Fristen sowie Haftungsfreistellungen oder Bürgschaften bei wenig Eigenkapital sind nur einige Vorteile. Allerdings müssen sich die Existenzgründer rechtzeitig informieren. Besonders wichtig sei, dass die Gründer zur Beratung kommen, bevor sie zu ihrer Hausbank gehen und einen Kredit beantragen, erklärt Ute Brandner und nennt ein Beispiel: „Bei der Gründungs- und Wachstumsfinanzierung braucht der Gründer für seinen Antrag einen Beratungsnachweis der IHK."
Unternehmen nicht auf wirtschaftlicher Not gründen
Die Fördermöglichkeiten durch die Agentur für Arbeit sind regelmäßig ein Punkt in den Beratungsgesprächen, die Ute Brandner führt. Einerseits liegt dies daran, dass die Behörde unabhängige Gutachten der IHK zu den Anträgen auf Überbrückungsgeld anfordert. Ute Brandner bearbeitete allein im vergangenen Jahr 155 dieser Anfragen. Andererseits stellt sie auch immer wieder fest, dass bei Existenzgründern nach der Beratung durch die Agentur für Arbeit immer noch grundlegende Fragen zur Förderung offen sind. Dabei sei es besonders wichtig, sich im Vorfeld einer Gründung beraten zu lassen, um das eigenen Konzept gegenüber den Geldgebern möglichst gut darzustellen. Speziell angehenden Unternehmern, die im Begriff sind, eine so genannte Ich-AG zu gründen, gibt Ute Brandner den immer gleichen Rat: „Nicht aus der Not heraus selbständig machen!" Darum schaut sie die vorgelegten Gründungskonzepte kritisch auf Lücken durch und weist auf Schwachstellen hin. „Hinter jeder Zahl in der Statistik verbirgt sich ein menschliches Schicksal", nimmt Ute Brandner ihre Verantwortung als Existenzgründungsberaterin sehr ernst, denn das Scheitern einer Firma berge auch das Risiko hoher Schulden für den Unternehmer.
IHK-Service
Fragen zur Existenzgründungsberatung der IHK Reutlingen beantwortet Ute Brandner unter Telefon: 0 7121/2 01-167 oder per E-Mail: brandner@reutlingen.ihk.de.

IHK-Service im Bereich Starthilfe und Unternehmensförderung
Fragen zu den Themen Existenzgrünung und Unternehmensübernahme beantwortet Erich Wyrtki, Leiter des IHK-Bereichs Starthilfe und Unternehmensförderung, unter Telefon: 0 7121/2 01 1 14 oder per E-Mail: wyrtki@reutlingen.ihk.de.
Informationsangebote im Internet
- www.reutlingen.ihk.de
Im Geschäftsbereich Starthilfe und Unternehmensförderung gibt es zahlreiche Informationen zu Ansprechpartnern, Publikationen und Veranstaltungen.
- www.bmwi.de
Das Bundeswirtschaftsministerium bietet Existenzgründern einen Info- und Broschürendienst sowie PC-Programme zum Downloaden.
- www.steuerberater-suchservice.de
Die Datenbank des Deutschen Steuerberaterverbands hilft beider Suche nach einem geeigneten Berater.
- www.business-angels.de
Das Business-Angels Network Deutschland (BAND) unterstützt innovative Gründer bei der Suche nach (privater) Managementunterstützung und vermittelt weitere Kontakte.
- www.stern.de/startup
Die Seite liefert Informationen über den von STERN, Sparkassen und McKinsey organisierten Gründerwettbewerb startup.
- http://www.stuttgad.ihk.de/ foerdermittel/
Die IHK Region Stuttgart unterhält auf ihrer Homepage eine Foerdermitteldatenbank.
Existenzgründungs- und Kooperationsbörsen der IHK Reutlingen
Angehende Selbstständige sowie Unternehmer, die Nachfolger suchen, haben die Möglichkeit, für die Themenbereiche Gründung und Übernahme relevante Angebote und Gesuche in den Existenzgründungs- und Kooperationsbörsen zu veröffentlichen. Die IHK Reutlingen aktualisiert ihre Börsen auch laufend im Internet auf www.reutlingen.ihk.de, Stichwort „IHK-Börsen". Ansprechpartnerin ist Doris Goebel vom IHK-Bereich Starthilfe und Unternehmensförderung unter Telefon: 0 7121/2 01-176 oder per E-Mail: goebel@reutlingen.ihk.de.
RKW-Beratung
Das „Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft" (RKW) Baden-Württemberg sieht sich als Partner kleiner und mittlerer Unternehmen. Die Beratungen bei der IHK richten sich an Existenzgründer und bieten diesen die Möglichkeit zu ausführlichen Einzelgesprächen bis in die Details. Hierbei können Themen wie Geschäftsidee, Unternehmensanalyse oder Marktchancen angesprochen werden. Eine Anmeldung ist erforderlich. Ansprechpartnerin ist ebenfalls Doris Goebel vom IHK-Bereich Starthilfe und Unternehmensförderung unter Telefon: 0 7121/2 01-176 oder per E-Mail: goebel@reutlingen.ihk.de. Die nächsten Beratungstermine sind auf Seite 49 in diesem Heft aufgelistet.
Basis-Infomaterial für Existenzgründer
Die IHK Reutlingen hat für Existenzgründer die wichtigsten Basis-Informationen in einem Paket zusammengestellt. Die Unterlagen gibt es beim Kunden-Info-Center unter Telefon: 0 7121/20-10 oder per E-Mail: info@reutlingen.ihk.de.

Nachgefragt: Übernahme als Existenzgründung

Übernehmer sucht Übergeber: IHK-Moderatoren als Gründungshelfer
Zusammen mit Rainer Langhans und Klaus Lichtenberger bildet Dr. Ulrich Kischko das Team der IHKModeratoren. Jeweils in den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb tätig, helfen die Mitglieder des Trios Unternehmern bei der Suche nach potenziellen Nachfolgern und steuern den Übergabeprozess. Das IHK-Moderatorenkonzept ist jedoch keine Einbahnstraffe, denn es ermöglicht ebenso Gründungswilligen die Chance auf den Schritt in die Selbstständigkeit durch eine Firmenübernahme. Kischko hat diesen Weg zusammengefasst.

Wer kennt sie nicht, die Moderatoren der Talkshows, des Sports und der Galas. Die Palette der Persönlichkeiten in den Medien reicht von laut und schrill, über bissig und scharf bis zu dezent und seriös. Friedlich und still sind keine verbreiteten Eigenschaften unter ihnen. Anders kommt der Moderator daher, der helfen soll, Probleme oder gar Konflikte zu lösen: Zuhören und Mundhalten gehören bei ihm zum Geschäft. Moderator heißt Lenker und in zweiter Bedeutung Mäßiger. In der Kernphysik ist zum Beispiel der [Moderator die Substanz, die im Atommeiler die Kettenreaktion bremst. In die Sprache der Kommunikation übertragen heißt das: Ein Moderator streitet nicht gern, sondern möchte ausgleichen und schlichten. Für die IHK Reutlingen und deren Mitglieder sind die drei Moderatoren so etwas wie die Farbe für den Maler: Sie eignen sich zum Mischen, wirken i flächendeckend und helfen dabei, das leuchtend bunte Bild der regionalen Wirtschaft zu erhalten. Im Rahmen einer Existenzgründung durch eine Unternehmensübernahme kommen den Moderatoren vielfältige Aufgaben zu.
Der Moderator als Gründungshelfer
Die Moderatoren unterstützen, begleiten und fördern die Gründer im gesamten Übernahmeprozess, der sich über einen weiten zeitlichen Rahmen erstrecken kann, wie der Blick auf die einzelnen Stationen verdeutlicht: Auf die Unternehmensanalyse folgt die Konzeption, um die Rahmenbedingungen prüfen zu können, dann schließen sich die Kauf- und Finanzierungsverhandlungen an, die schließlich in die Vertragsunterzeichnung münden. Dabei ist der Moderator in vielfältigen Kompetenzfeldern gefordert. Die Moderatoren wissen nicht alles und können nicht alles selbst. Sie sind aber in ein Netzwerk aus Spezialisten eingebunden, aus dem sie die benötigten Fähigkeiten und Informationen abfragen können. Da das Thema Unternehmensübergabe ein hohes Maß an Vertrauenswürdigkeit und Fachkenntnisse bis in Detailfragen verlangt, ziehen die Moderatoren im Bedarfsfall Experten hinzu, die ihr Wissen in den Prozess einbringen und als Diskussionspartner über Lösungsalternativen bereitstehen. Im Vordergrund steht dabei die Qualität der Betreuung. Kernkompetenzen der Moderatoren sind Analyse, Diagnose von Problemen, Organisation und Prozessbegleitung. Dabei greifen sie auf ihren eigenen Erfahrungsschatz aus vorausgegangenen leitenden Tätigkeiten zurück und bauen die Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Gründer auf ihren methodischen Fähigkeiten bei der Vermittlung und Unterstützung auf. So leisten sie beispielsweise Hilfestellung bei der Meilenstein-Planung, vermitteln bei Verhandlungen und bereiten die Verträge vor.
Sicherer Rückhalt im Übergabeprozess
Aus ihrem eigenen Berufsleben im Management und als Selbständige kennen die IHK-Moderatoren die Motive, die Gründer zum Schritt in die Selbständigkeit veranlassen. In der intensiven Betreuung von Übernehmer und Übergeber lernen sie Selbstvertrauen, Zielorientierung, Risikofreude und Ausdauer bei den Beteiligten einzuschätzen und dementsprechend den Übergabeprozess zu steuern. Überraschungen oder veränderte Verhältnisse bringen die Moderatoren dabei nicht aus der Ruhe - durch die langjährige Berufserfahrung bleibt das Trio auch in mehrdeutigen Situationen sicher und weiß, durch Analogieschlüsse und aufgrund seines fundierten betriebswirtschaftlichen Know-hows Entscheidungen zu treffen.
Ziel: Langfristig tragendes Konzept für das Unternehmen
Bei der Unternehmensübergabe geht es nicht darum, möglichst rasch einen Abschluss zu erzielen, sondern um eine langfristig tragfähige Lösung, die beide Seiten fair berücksichtigt. Darum bringen die IHK-Moderatoren zunächst Unternehmer und Existenzgründer zusammen, sammeln die Themen und stimmen mit den Beteiligten den Fahrplan ab. Zudem analysieren sie die Schlüsse, die sich aus der Unternehmensgeschichte auf die Zukunft ziehen lassen, gewichten die aktuellen betrieblichen Entwicklungen und beurteilen auf Wunsch, ob die vorhandenen persönlichen Qualifikationen des Übernehmers beziehungsweise die Bereitschaft des Übergebers ausreichen. Auf dieser Basis erarbeiten die Moderatoren Lösungsalternativen, bieten diese zur Entscheidung an und bereiten schließlich deren gemeinsame Umsetzung vor. Ein Beispiel: Bisherige Erfahrungen aus der Arbeit des Moderatorenkonzeptes zeigen, dass die Prüfung der steuerlichen Auswirkungen, die Analyse und Bewertung des Unternehmens sowie die daraus abgeleitete Finanzierung des Unternehmensüberganges wichtige Gesprächs- und Eckpunkte sind. Im Interesse des Unternehmens und beider Seiten geben die Moderatoren auf die häufig gestellte Frage nach dem geeignetsten Bewertungsverfahren immer wieder die gleiche Antwort: „Ob Substanz- oder Ertrags- oder Mittelwertverfahren zum Zuge kommen, muss erst die genaue Analyse zeigen."

      Die IHK-Moderatoren (v.l.) Klaus Lichtenberg (Reutlingen), Dr. Ulrich Kischko (Zollernalb) und Rainer Langhans (Tübingen) betreuen UnternehmensÜbergeber und Übernehmer in den drei Landkreisen der Region Neckar-Alb.

Foto: IHK

Problemstellungen bei der Übernahme in Beispielen
Bei einer Firmenübernahme tauchen viele Fragen auf, die sorgfältig, umfassend und sensibel geklärt werden müssen. IHK-Moderator Dr. Ulrich Kischko hat einige Beispiele aus der Praxis zusammengestellt.
- Beim Thema der Übertragung als Verpachtung stellt sich die Frage, ob sie der Verpächter als Betriebsaufgabe auffasst oder ob er das Betriebsvermögen weiter fortführen will. Davon hängt ab, ob für den Übergeber Steuern auf Einkünfte aus dem Gewerbebetrieb fällig werden oder ob er einen Aufgabegewinn erzielt.
- Von einer Übertragung als Betriebsaufspaltung ist dann die Rede, wenn ein Unternehmer einem von ihm beherrschten Betrieb Wirtschaftsgüter miet- oder pachtweise überlässt. Solch eine personelle und sachliche Verflechtung muss von einem Steuerberater begleitet werden.
- Eine Kaufpreiszahlung in Raten setzt voraus, dass dem Erwerber aus dem Unternehmen ausreichende Mittel zufließen, sodass seine Überlebensfähigkeit nicht gefährdet ist. Dabei kann der Kaufpreis wie ein Darlehen, als Leib- oder Zeitrente oder als dauernde Last angesetzt werden. In der Regel wird die Abstimmung über Umfang und Zahlungsweise des vereinbarten Kaufpreises mit einer begleitenden Bankfinanzierung erfolgen.
IHK-Service
Erster Ansprechpartner für das Moderatorenkonzept der Industrie- und Handelskammer Reutlingen ist Erich Wyrtki, Leiter des IHK-Bereiches Starthilfe und Unternehmensförderung, unter Telefon: 0 7121/ 2 01-114 oder per E-Mail: wyrtki@reutlingen.ihk.de.

Selbstständig durch Übernahme: Was gibt es zu beachten?

Frank Amhoff begleitet mit vier Partnern der Reutlinger Unternehmensberatung WCG Wolf Consulting Group AG seit über 13 Jahren Unternehmen verschiedenster Branchen erfolgreich in den Bereichen Strategie, Marketing, Controlling, Organisation und Personal. Nachfolgeregelungen und Existenzgründungen sind seit Jahren seine Spezialbereiche. Für „Wirtschaft Neckar-Alb" hat der Unternehmensberater die wichtigsten Punkte für Existenzgründer zusammengefasst, die sich durch eine Übernahme selbständig machen wollen.
- Vor- und Nachteile abwägen

Die Vorteile einer Übernahme gegenüber einer Existenz-Neugründung liegen auf der Hand: Das Unternehmen hat eine - oftmals klar dokumentierte Vergangenheit, die als Planungsgrundlage dient. Außerdem ist der Betrieb bereits auf dem Markt mit eingeführten Produkten vertreten und verfügt über bestehende Absatz- und Beschaffungskanäle. Allerdings lässt sich eine Firma unter Umständen nur schwer aus den über Jahre hinweg ausgefahrenen Gleisen heraus in eine neue Richtung lenken.
- Diskret Erstkontakt aufnehmen
In aller Regel möchte der bisherige Inhaber des Unternehmens die Übergabe diskret und bis zu ihrem erfolgreichen Abschluss ohne allzu viel Aufhebens geregelt wissen. So lange die Nachfolge nicht offiziell ist, empfiehlt es sich deshalb für den Übernehmer, schriftliche Mitteilungen vorsichtshalber an die Privatadresse zu schicken.
- Bei Betriebsbesichtigung an die Zukunft denken
Bei der Betriebsbesichtigung sollte der Übernehmer eine Reihe von Fragen im Hinterkopf behalten: Wie ist der Zustand des Betriebs? Lässt das Umfeld Expansionen zu oder gibt es einschränkende Faktoren? Wie ist der Zustand der Maschinen? Sind augenscheinlich schon bald neue Investitionen nötig?
- Auf Kenntnisstand des Unternehmers achten
Aufschlussreich ist, ob der Unternehmer in seinem eigenen Betrieb auf dem Laufenden ist. Bei der Betriebsführung sollte der Obernehmer auch auf die Details achten: Weiß der Inhaber, welcher Auftrag gerade wo abgewickelt wird? Kennt er seine Mitarbeiter mit Namen, hat er eine präzise Vorstellung von den Lagerbeständen, die er bevorratet? Wer hier gut informiert ist, wird auch verlässliche Zahlen vorlegen können und hat seinen Betrieb in der Vergangenheit wahrscheinlich mit Umsicht und entsprechender Sorgfalt geführt.
- Motivation der Belegschaft gibt mit den Ausschlag
Für den Erwerber ist es mit von entscheidender Bedeutung, auf die Atmosphäre im Unternehmen zu achten: Vermittelt sie ein angeregtes, motiviertes Arbeiten - oder spulen die Menschen nur freudlos ihr Pensum ab? Mitarbeitergespräche geben hier weitere Aufschlüsse.
- Zahlen, Daten und Fakten einsehen
Der Übernehmer sollte die konkreten Unternehmenszahlen, Planungen, die Arbeitskontrakte der Mitarbeiter oder auch andere langfristig bindende Verträge einsehen. Besonders eine intensive Analyse der Entwicklung von Lagerbeständen und Absatzzahlen lohnt den Aufwand, denn erst danach lässt sich das Potenzial des Unternehmens umfassend und realistisch einschätzen. Daraus kann der Nachfolger eine ungefähre Vorstellung davon entwickeln, wie das Unternehmen bewertet werden könnte.
- Wert des Unternehmens ermitteln
Für Firmenübernahmen gibt es kein allgemein standardisiertes Bewertungsverfahren: Während bei dem einen Unternehmen die Gewinne ausschlaggebend sind, sind es beim anderen die hohen Anlagewerte. Die Mitarbeiter- beziehungsweise Kundenstruktur oder die Vertriebskanäle können auch einen entsprechenden Wert darstellen. Für den Unternehmer selbst kommen eine Reihe emotionaler Komponenten als wertschöpfende Faktoren hinzu - bis hin zu Macht und Status. Im Wesentlichen gelten zwei Marken: Das Unternehmen ist so viel wert, wie der Übernehmer dafür zahlen will beziehungsweise zahlen soll. Eine Unternehmensbewertung kann vor diesem Hintergrund nur eine Funktion haben: Sie ist eine Argumentationshilfe zur Begründung und Durchsetzung einer bestimmten Kaufpreisvorstellung.
- Strategische Weichen stellen
Mit der Entscheidung, wie das Unternehmen auf ihn übertragen werden soll, stellt der Nachfolger die strategischen Weichen für alle weiteren Stationen im Prozess der Unternehmensübernahme. Ein Komplettkauf hat beispielsweise ganz andere Konsequenzen für die Finanzierung als ein stufenweiser Einstieg oder das Mieten beziehungsweise respektive Pachten des Unternehmens. Da die Übertragung von Eigentum von einem Inhaber auf den nächsten ein äußerst komplexer Prozess ist, kann darüber hinaus nur dringend empfohlen werden, sich von den jeweils sachkundigen Experten begleiten zu lassen.
- Ziele genau definieren
Der Übernehmer muss konkrete Ziele setzen und möglichst genau beschreiben, was er mit der Übernahme erreichen will. Erfolg soll nach einer bestimmten Zeit messbar sein. Die Statistik zeigt, dass viele Übernahmen im mittelständischen Bereich nicht an wirtschaftlichen oder organisatorischen Hürden scheitern, sondern auf Grund von Kommunikationsschwierigkeiten, die oftmals allein durch die unscharfe Zielplanung der beteiligten Übergabepartner entstehen.
- Finanzierungsspielraum abstecken
Hat der Übernehmer eine Vorstellung vom Kaufpreis, den Anfangsinvestitionen und der zukünftigen Kosten- und Umsatzentwicklung, sollte er diese Daten zu aussagefähigen Unterlagen aufbereiten und den Finanzierungspartnern vorlegen. So lässt sich der Spielraum für eine Finanzierung festlegen.
Rechtliche und Steuerliche Aspekte der Übernahme
Für die endgültige Gestaltung des Kaufpreises und der Zahlungsmodalitäten muss der Übernehmer neben seinem Unternehmensberater auch andere Fachleute hinzuziehen. Rechtsanwalt und Steuerberater helfen dabei, einen einwandfreien Vertrag aufzusetzen, mit dem beide Parteien auf der sicheren Seite sind. Folgende Punkte sind bei der Übernahme besonders wichtig:
- Umsatzgarantie
- Bilanzgarantie
- Schadensersatz
- Behördenauflagen
- Altlasten
- Verjährung
- Gewährleistung
- Sicherungsvorbehalt
Zu guter Letzt ist von entscheidender Bedeutung, dass der Vertrag ein Wettbewerbsverbot für den Verkäufer enthält: Nur so kann der Übernehmer sicher sein, dass ihm nicht der Vorgänger mit seinen jahrelangen Branchenkontakten als Konkurrent in die Quere kommt.

Jungunternehmer berichten über ihre Gründungs- und Festigungsphase

Bergfühlung:
Standort Tübingen inspiriert globales Denken
„Für Bergführer gibt es nur wenige Firmen, die attraktive Anstellungen anbieten", erklärt Wolfgang Huhn, warum er im Herbst 2002 zusammen mit den beiden anderen Gesellschaftern Berthold Reichle und Sebastian Haller die Alpinsportschule Bergfühlung gründete.

Mittlerweile hat Martin Hafenmair die Anteile von Sebastian Haller übernommen, an der Trias Sport Reisen - Natur als Grundlage des Programms ändert sich dadurch jedoch nichts. Die Gesellschafter und die zehn freien Mitarbeiter bringen den Kunden Klettern oder Bergsteigen bei, führen sie auf Alpengipfel, pirschen mit ihnen zur Hirschbrunft oder betreuen ganze Familien in Abenteuercamps. Ein anderer Schwerpunkt ist die Durchführung von Betriebsausflügen und Firmen-Outdoor-Trainings. „In diesem Bereich sehen wir noch großes Entwicklungspotenzial", sagt Huhn, der in Teilzelt den Posten des Geschäftsführers der GmbH bekleidet. Diese Rechtsform sei für das Unternehmen unumgänglich gewesen, „aber auch sehr teuer", so Huhn, den ein anderer bürokratischer Aspekt aber noch mehr ärgert: "Die Besteuerung von Reiseleistungen im deutschen Steuerrecht ist so kompliziert, dass nicht einmal die Steuerprüfer wirklich wissen, wie es anzuwenden ist."
Neben den Nachteilen des Wirtschaftsstandortes Deutschland gibt es für die Jungunternehmer jedoch auch die Vorteile des Wohn- und Arbeitsraumes Tübingen mit seinen kurzen Wegen: Einen Teil der Veranstaltungen führt Bergfühlung auf der Schwäbischen Alb durch, außerdem wirke „die Internationalität der Universitätsstadt durchaus inspirierend, wenn global gedacht werden muss", so Huhn. Neben der Inspiration kam bei der Unternehmensgründung aber auch die Information nicht zu kurz: „Wir haben uns von Branchenkennern beraten lassen und das Angebot der IHK ist empfehlenswert", erklärt Huhn, denn sowohl die grundsätzlichen als auch die branchenspezifischen Gründungsaspekte seien wichtig. Darüber hinaus seien jedoch auch ausreichende kaufmännische Kompetenz und die passenden Marketingstrategien im Betrieb von Anfang an für den Erfolg entscheidend. Alle unternehmerischen Risiken lassen sich jedoch nicht vollständig ausschließen, weshalb Huhn Existenzgründern rät, sich in den ersten Jahren durch andere Einkommensquellen oder durch entsprechende Reserven abzusichern.

       Wolfgang Huhn, Geschäftsführer der in Tübingen ansässigen Alpinsportschule Bergfühlung, genießt bei der Arbeit zuweilen spektakuläre Perspektiven.

Foto: Bergfühlung

Büroservice und mehr....:
Der erste Schock kam prompt
Für Yvonne Eisele führte der Weg zur eigenen Firma über die Weiterbildung. Nach einigen Jahren Berufserfahrung als Bankkauffrau nutzte sie zunächst die Familienpause, um den Abschluss zur Bankfachwirtin zu machen. Nach dem Wiedereinstieg ins Berufsleben bildete sie sich dann zur Geprüften Bilanzbuchhalterin weiter und wagte schließlich den Schritt in die Selbstständigkeit.
„Kontieren und Buchen von laufenden Geschäftsvorfällen (im Sinne des § 6 Nr. 3 und 4 Steuerberatergesetz), Erstellen laufender Lohnabrechnungen, Betreuung bei Bankgesprächen (keine Rechtsberatung), Betriebswirtschaftliche Beratung und Erledigung sämtliche Büroarbeiten" umschreibt Yvonne Eisele aus gutem Grund ihren Tätigkeitsbereich etwas sperrig. Kaum hatte sie ihren „Büroservice und mehr..." Anfang 2002 in ihrem Privathaus in Bodelshausen gegründet, lag auch schon Post von der Steuerberaterkammer im Briefkasten. Diese vermutete, das junge Unternehmen verstoße gegen Beschränkungen im Steuerberatergesetz. „Natürlich bedeutete die Androhung einer Strafe von 5000 Euro kurz nach der Firmengründung einen Schock°, erinnert sich Yvonne Eisele. Für Unternehmen aus ihrer Branche sei es deshalb „absolut notwendig, sich vorher mit einem Rechtsanwalt zusammenzusetzen, um beispielsweise die Tätigkeitsbereiche, erlaubte Firmenbezeichnungen sowie Werbemöglichkeiten genau zu definieren". Allgemein rät Yvonne Eisele Existenzgründern, einschlägige Seminare zu besuchen und rechtzeitig einen Steuerberater aufzusuchen. Sie selbst nahm allerdings keine Beratungen in Anspruch nicht aus Desinteresse, sondern „weil mir die normalen Angebote bei den spezifischen Problemen meiner Branche auch nicht weitergeholfen hätten."

      Yvonne Eisele betreibt seit gut zwei Jahren einen Büroservice in Bodelshausen.

Foto: Eisele

Bio-Ilios:
Mutig, aber in kleinen Schritten vorangehen
„Wir sind ein kleines Großhandelsunternehmen", beschreibt Sophoclis Michaelides seine Firma Bio-Ilios. Dass sich die Fruchtimportfirma in Lustnau niedergelassen hat, liegt weniger an der wirtschaftsrelevanten Infrastruktur als an der Wohnqualität, die Tübingen aufzuweisen hat.

Für den Handel mit ökologisch erzeugtem Obst, Gemüse, Olivenöl oder Dünger zwischen West- und Südeuropa, Südamerika und Nordafrika spielt für Michaelides der Standort des Unternehmens eine nur untergeordnete Rolle. Dank der modernen Kommunikationsmittel könnte er das Geschäft theoretisch auch von seiner Heimat Zypern aus betreiben. Den Ausschlag für Tübingen gab aber die Familie: „Für mich war wichtig, so nahe wie möglich an meinem Wohnort zu sein", erklärt der Vater einer Tochter und zweier Söhne. Kurz nachdem er sich 1999 als Subunternehmer seines ehemaligen Arbeitgebers, einem Stuttgarter Bio-Großhändler, selbstständig gemacht hatte, verlegte Michaelides seine Firma den Neckar hinauf. „Für die Ämter hat dieser Umzug fast drei Jahre gedauert", blickt der Unternehmer auf seine Erlebnisse mit schwerfälligen Bürokraten zurück. In diesem Bereich hat der studierte Agrarwissenschaftler, der zuvor in der noch jungen Bio-Branche schon als Landwirt und im Einzelhandel tätig war, einige Erfahrungen vorzuweisen, was ihn aber auch heute noch nicht vor Überraschungen schützt: „Die Rechtslage ist manchmal völlig unklar und man weiß oft nicht, was die Behörden wollen." Auf Beratungsleistungen griff Michaelides bei der Gründung nicht zurück, vielmehr empfiehlt er angehenden Unternehmern, zuvor selbst Praxiserfahrungen im jeweiligen Gewerbebereich zu sammeln und sich Rat bei Branchenkollegen einzuholen. Trotz aller Schwierigkeiten ist Bio-Ilios stetig gewachsen: 2001 noch ein Ein-Mann-Betrieb, stellte die Firma bis Mitte 2003 drei Teilzeitkräfte ein. Zur Zeit beschäftigt die GmbH sechs Mitarbeiter, drei davon auf 400-Euro-Basis. „Hätten wir zu Anfang ein finanzielles Polster gehabt, könnten wir heute zwei oder drei Mitarbeiter mehr beschäftigen", so Michaelides, der bei der Unternehmensgründung weder Kredite noch Förderung in Anspruch nahm entsprechend seiner Mentalität: „Das Geschäft gut beherrschen und mutig, aber in kleinen Schritten weitergehen."

      In den Pausen nimmt Firmenhund Gini das Team von Bio-Ilios um Sophoclis und Margarete Michaelides (Mitte) in Beschlag.

Foto: IHK

yourIT:
Gründungsplanung als Nebenjob betrachten
Im Herbst 2002 nahm die Firma yourlT in Rangendingen-Höfendorf mit den drei Geschäftsführern Dieter Morgner sowie Ralf und Thomas Ströbele den Betrieb auf. Seitdem hat das IT-Dienstleistungsunternehmen, das mittlerweile ins Hechinger [cityoutlet] umgezogen ist, personell aufgestockt: Zur Zeit ergänzen eine weitere Vollzeitkraft sowie zehn freiberufliche Mitarbeiter das Team.

„Wir gehen davon aus, Ende des Jahres insgesamt 20 Mitarbeiter zu beschäftigen", sagt Thomas Ströbele und verweist dabei auf „das Thema Personal" als eine der Anfangsschwierigkeiten: „Gemeinsam mit der Agentur für Arbeit haben wir mittlerweile ein funktionierendes Partnerkonzept entwickelt." Ein weiteres Problem stellte das Namensrecht für die ursprünglich als GbR gegründete Firma dar. Doch seitdem sich das Unternehmen „auf Anraten der IHK", so Ströbele, als oHG ins Handelsregister eintragen ließ, durfte sie den Namen "yourIT" offiziell führen. Überhaupt sei die IHK als Ansprechpartner sehr zu empfehlen, lobt Ströbele die Wirtschaftskammer, bei der die Jungunternehmer ein Existenzgründungsseminar besuchten. Daneben nutzten die Gründer Beratungsangebote von Steuerberatern und regionalen Banken. Die Wurzeln in der Region und die Zielgruppe mittelständischer Kunden gaben beim Umzug den Ausschlag für den neuen Hauptsitz im ehemaligen Volma-Gebäude. Allerdings verlangten Kundenprojekte nach einer deutschland- beziehungsweise europaweiten Präsenz, erklärt Ströbele. Seinem Kundenstamm wird das Unternehmen dennoch nicht untreu werden, zumindest wenn sich das yourIT an den Ratschlag hält, den Ströbele anderen jungen Unternehmen gibt: „Suchen Sie sich wenn möglich Kunden, die zu Ihnen passen, auch wenn das schnelle Geld lockt. Nur so sind Sie auf Dauer erfolgreich und haben Spaß an der Sache." Allein mit Spaß sei allerdings kein Unternehmen auf die Beine zu stellen. Vielmehr empfiehlt Ströbele, die Selbstständigkeit mindestens ein Jahr im Voraus zu planen: „Nachdem das Geld für Neugründer bei den Banken nicht mehr so locker sitzt, muss diese Vorlaufphase am besten als „Nebenjob" betrachtet werden. Damit die Idee aber erfolgreich verläuft, bedeutet das eine Doppelbelastung. Man muss schon bereit sein, diesen Preis zu bezahlen."

       In der Region verwurzelt, will die Hechinger Firma yourlT bei der Personalplanung hoch hinaus. Die Geschäftsführer Thomas Ströbele (3. Reihe links) sowie Dieter Morgner und Ralf Ströbele (4. Reihe v.l.) wollen zum Jahresende 20 Mitarbeiter beschäftigen.

Foto: yourlT

Spiel & Freizeit Maas:
Gründer ist die billigste Arbeitskraft
Marcus Maas übernahm vor zwei Jahren das gut eingeführte Spielwarengeschäft der Familie Wagner in Bisingen. Damit erfüllte sich der Einzelhandelskaufmann, der in einer Spielwarenabteilung gelernt und danach berufliche Erfahrung gesammelt hatte, seinen „größten Wunsch".

Als großen Pluspunkt streicht Maas den Standort heraus: „Das Geschäft liegt an einem zentralen Punkt im Zollernalbkreis und ist von Albstadt, Hechingen, Haigerloch und Balingen aus in kürzester Zeit zu erreichen." Kostenlose Parkmöglichkeiten am Haus und die Nähe zu weiteren Einzelhändlern beziehungsweise Supermärkten sowie die Absenz direkter Konkurrenten, die „das Stückchen vom Kuchen" verkleinern würden, sieht der 27-Jährige als weitere Vorteile. Trotz Branchenkenntnis und guten Standortvoraussetzungen hatte Maas zu Anfang einige Hürden zu bewältigen: „Da die Übernahme recht schnell vonstatten ging, hatte ich Schwierigkeiten, in dieser kurzen Zeit eine Finanzierung zu bekommen und alle Formalitäten zu erledigen." Dazu zählt Maas beispielsweise die Anmeldung der anfangs drei Teilzeitkräfte - mittlerweile beschäftigt er eine Vollzeitkraft und vier Teilzeitmitarbeiter - oder die Suche nach einem Steuerberater sowie die Wahl passender, günstiger Versicherungen. Außerdem war es für Maas nicht leicht, sofort in den Spielwarenverband „Spielzeug-Ring" aufgenommen zu werden, auf dessen Beratung er allerdings große Stücke hält. Da eigentlich alle Branchen in Verbänden organisiert seien, empfiehlt Maas, dort nach einer Einzelhandelsberatung zu fragen. Gute Erfahrungen machte Maas außerdem auch mit der Beratung durch seine Hausbank. Mit spitzem Bleistift zu rechnen, bleibt dem Jungunternehmer, der sein Angebot vor kurzem um einen Bücherbestellservice erweitert hat, nicht erspart: „Alles muss kalkuliert werden", warnt Maas potenzielle Existenzgründer davor, zu glauben, der Einzelhandel bestehe lediglich aus Einkauf, Verkauf und dem daraus entstandenen Profit: Miete, Personal, Sozialversicherungen, Strom, Wasser, Versicherung oder der zu tilgende Kredit seien nur einige Posten, so Maas. Außerdem gibt er zu bedenken: „Sicherlich ist man in den ersten Jahren der billigste Arbeiter im eigenen Geschäft - und trotzdem braucht man noch ein wenig Geld für sich selbst zum Leben."

      Mit seinem Spielwarengeschäft in Bisingen hat Existenzgründer Marcus Maas zugleich einen gut eingeführten Standort übernommen.

Foto: Maas